Tracht des Schönhengster Landes



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Der Schönhengst von Petersdorf aus gesehen, Schönhengster Giebelbrett

Der Schönhengst ist ein Bergrücken in Tschechien der dieser Landschaft seinen Namen gab. Wenn man von Olmütz nach Norden fährt erreicht man bei Müglitz die ersten schönhengster Dörfer. Bis 1946 war der Schönhengst die größte deutsche Sprachinsel in Mähren. Hier lebten bis zur Vertreibung über 120.000 Deutsche in etwa 130 Orten. Der Schönhengst bildete zu keiner Zeit eine politische, kirchliche oder geographische Einheit. Die Dörfer und Städte gehörten zu verschiedenen Grundherrschaften, die z.T. über die Sprachinsel hinausgriffen und Dörfer mit tschechischer Mehrheit einschlossen. Das traf auch für die Kreise zu, die nach 1846 die Grundherrschaften ablösten. Das war bei den Pfarreien nicht anders, die oftmals fremdherrschaftliche oder Dörfer mit tschechischer Mehrheit mit den deutschen Dörfern in einer Pfarre vereinigten, was besonders für die Randbereiche der Sprachinsel zutrifft.

IMG_5552_2Schönhengster Goldhaube (Museum Müglitz)

Spätestens an dieser Stelle treten ein paar interessante volkskundliche Fragenkomplexe auf.
In der Regel orientieren sich die volkskundlichen Landschaften an der konfessionellen Zugehörigkeit. Die kleinste Einheit einer volkskundlichen Landschaft wäre also das Kirchspiel oder die Pfarre. Träfe das auch für Mähren zu, hätten auch die Dörfer mit tschechischer Mehrheit der im Schönhengst liegenden Pfarren die gleichen volkskundlichen Merkmale entwickelt, ebenso wie die tschechische Minderheit in den schönhengster Dörfern. Da die Tracht bekanntlich das auffälligste Merkmal einer volkskundlichen Gemeinschaft ist, liegt die Vermutung nahe, dass alle Personen einer Pfarre die gleiche Kleidung trugen. War das tatsächlich so? Folgt man der national geprägten Trachtenforschung, so bestand nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Tracht eine deutliche Trennung der beiden Volksgruppen.
Welche Kleidung trugen die deutschen Minderheiten in tschechischen Dörfern außerhalb des Schönhengstes?
Wie konnte das Schönhengster Land, ohne jemals eine politische oder kirchliche Einheit gewesen zu sein, eine eigene Volkskunde entwickeln, da die Schönhengster, besonders in den Randbereichen, nie „unter sich waren“?
Reichte das ethnologische Merkmal „Sprache“ zur Ausbildung der volkskundlichen Merkmale?
Sind die volkskundlichen Gemeinsamkeiten der deutschen und tschechischen Bevölkerung in den Randbereichen jemals eingehend untersucht worden, oder hat man bei der ausschließlichen Betrachtung der deutschen Volkskunde die Gemeinsamkeiten mit den tschechischen Mitbürgern ausgeblendet?

Bei der aufmerksamen Lektüre von Jurendes Mährischem Wanderer bekommt man eine einfache Antwort auf diese Fragen [MVHSL, 1906, S. 57ff]:
Folgende Charakterzüge wurden an den Schönhängstlern bei Trübau entworfen. Kleidung, Sitten, Gebräuche sind in dem oben bezeichneten Bezirke gleich, nur die Sprache nicht überall, indem Ortschaften dazu gehören, wo auch
slawisch oder böhmisch gesprochen wird. Man darf also vermuten, dass die Kleidertracht der Dörfer einer Pfarre ungeachtet der Sprache für alle gleich war!“



IMG_6044 „Sachs“ und Beigürtel („Alter Kasten“, Göppingen)

Die Trachten sind ein auffälliger Aspekt der volkskundlichen Landschaft, die sie repräsentieren, und so wurden auch die Schönhengster Trachten Gegenstand volkskundlicher Betrachtungen. Erste Darstellungen datieren aus dem frühen 19. Jahrhundert (1813, 1814).

Das volkskundliche Objekt selbst befindet sich heute in einem Spannungsfeld zwischen der modernen Volkskunde und den Trachtengruppen, die je nach Zielsetzung durchaus gegensätzliche Ansichten zu dem Thema haben, ohne sich oftmals intensiv mit einer Grundlagenforschung zu befassen.

Die historische Kleidung wird heute häufig sehr vereinfacht dargestellt. Sie wird auf die wesentlichen auffälligen Merkmale reduziert ohne dem Umstand Rechnung zu tragen, dass es in der Vergangenheit auch in einer Trachtenlandschaft viele verschiedene Möglichkeiten gab sich zu kleiden. Das resultiert meist aus der schlechten Quellenlage und der einseitigen Darstellung der festlichen Trachten in den musealen Sammlungen und in der Literatur. Daher bekommt die Tracht einen uniformen, statischen Charakter, den sie nie hatte. Sie unterlag, wenn auch mit einer ihr eigenen Dynamik, den jeweiligen Modeströmungen, Vorlieben und Abneigungen und den heute unerfindlichen Gründen für das Beibehalten alter Formen. So konnte die Entwicklung von bestimmten Kleidungsstücken bis zur karikaturhaften Erscheinung getrieben werden. Die Kleidung hing aber in erster Linie mit den wirtschaftlichen Verhältnissen, der sozialen Stellung und dem Alter des Trägers zusammen, aber auch mit den verschiedenen Anlässen und Gelegenheiten und nicht zuletzt mit der Verfügbarkeit oder dem Angebot der Materialien. Daran hat sich eigentlich bis heute wenig geändert, wenn wir einmal einen Blick in unseren eigenen Kleiderschrank werfen.
Die Grundlagenforschung ist heute nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich, da als Folge der Vertreibung auch die volkskundlichen Objekte vor Ort weitestgehend verloren gingen. Der Zugang zu den musealen Sammlungen in Deutschland ist schwierig, da sie sich meist in kleinen Heimatstuben befinden und die Schönhengster Tracht in den großen Sammlungen der Museen keine bedeutende Rolle spielte. Das österreichische Museum für Volkskunde in Wien hat nur sehr wenige Stücke der Schönhengster Tracht, vornehmlich aus dem Landskroner Raum, im Mährischen Landesmuseum in Brünn befinden sich etwa 15 Kleidungsstücke aus dem Schönhengst und im Museum in Mährisch Trübau liegt eine kleine Sammlung von Tüchern und Schürzen. In der Literatur des 19. und insbesondere des 20. Jahrhunderts werden im Schönhengst das Ober- und das Unterland als Untergruppen unterschieden. Zum Oberland gehören im Wesentlichen die alten Herrschaften Zwittau und Landskron, zum Unterland Mährisch Trübau und Mürau. Sprachlich stellt sich das Schönhengster Land allerdings wesentlich differenzierter dar, was besonders wieder die Randbereiche betrifft

© für alle Fotos: Jürgen Sturma, Minden