Schönhengster Tracht - Männer

Schönhengster Tracht der Männer


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Schönhengster Tracht aus der Zeit um 1810 (Rekonstruktion 2011)

Die bäuerliche Kleidung der Schönhengster Männer wurde nur lückenhaft beschrieben und erforscht, wie in vielen Trachtenlandschaften. Man hat in der Trachtenerneuerung des frühen 20. Jahrhunderts auf die erhaltenen Trachtenteile zurückgegriffen, wie fast überall und damit ein Bild der Kleidung geschaffen, dass nicht ganz den historischen Gegebenheiten entspricht. Die erneuerte Tracht hat sich dabei so sehr zum regionalen Erkennungsmerkmal entwickelt, dass die nach den historischen Quellen rekonstruierten authentischen Trachten als „fremd“ klassifiziert werden, und die Träger sogar von vermeindlichen Trachtenkennern zurechtgewiesen werden. Josef Hanika schreibt dazu [Mally, 1943]:
Die Schönhengster Burschen haben sich auf trachtlicher Grundlage einen kleidsamen Anzug geschaffen, der sich gut zu den überlieferten Frauen- und Mädchentrachten fügt.
Insgesamt kann man feststellen, dass die Tracht der Schönhengster Männer in den älteren überlieferten Darstellungen und Abbildungen immer als ausgesprochen modisch (im zeitgenössischen Sinne) angesprochen werden kann, obwohl sie einige traditionelle Elemente bewahrte. Sie folgte dem bürgerlichen Vorbild in einigem Abstand, wie bei den bäuerlichen Trachten üblich und erreichte zum Ende des 18. Jahrhunderts nahezu das Niveau der bürgerlichen Mode. Im 19. Jahrhundert scheint es aber zu zwei unterschiedlichen Entwicklungen gekommen zu sein. Die Oberschicht kleidete sich wie gewohnt sehr modisch, aber bei weitgehender Aufgabe der traditionellen Elemente, während andere Bevölkerungsteile die Kleidungsformen des ausgehenden 18. Jahrhunderts weiter entwickelten und damit deutlich von der zu Beginn des 19. Jahrhunderts revolutionierten „Mode“ herausstachen.

Jurende beschreibt 1813 die „Schönhengstler“ aus dem Unterland, d.h. aus der Umgebung von Mährisch Trübau. Die Kleidung der Schönhengster Männer gibt er als recht einfach an und von uraltem Schnitt [MVHSL, 1906, S. 57ff]. Zumindest wird aus seinen Beschreibungen deutlich, dass die Kleidung „unmodern“ war und wenig Regionaltypisches hatte. Interessant ist aber, dass er auch die Bewohner der südlichen Böhmisch-Mährischen Höhe um Iglau herum als „Schönhengstler“ bezeichnet.

Hemd: Das Hemd war vermutlich aus Leinen. Über Schnitt und Auszier ist nichts überliefert.
Hose: Für die Schönhengster Männertracht wird im eine Lederhose erwähnt, die unter dem Knie endete. Zunächst waren die Hosen weiß, dann gelblich oder gelb. Die gelben Lederhosen wurden mit einem Band mit Quasten der gleichen Farbe zugebunden. Es werden auch schwarze Lederhosen beschrieben. Die Hosen hatten einen schmalen Hosenlatz. Unterschiede zwischen den Ober- und dem Unterland werden in diesem Zusammenhang nicht erwähnt.
Weste: Die Weste hatte einen kleinen Schoß und wurde mit einer Reihe silberner oder messingfarbener Knöpfe geschlossen. Andere Knöpfe sind nicht erwähnt, obwohl man davon ausgehen kann, dass für den täglichen Gebraucht auch andere Materialien Verwendung fanden, wie auch verschiedentlich überliefert ist. Die Weste hat eine Rückenpartie aus dem gleichen Oberstoff, da sie im Sommer ohne Mantel oder Jacke getragen wurde. Als „Galafarbe“ wird rot beschrieben; man muss also annehmen, dass auch andere Farben getragen wurden, wobei zu bedenken ist, was „Gala“ für den Bauern bedeutete. Hier wäre wohl in erster Linie an den Kirchgang, Hochzeit und andere hohe Feste und Gelegenheiten zu denken. Die Frage, ob auch ältere Männer eine rote Weste trugen, muss vorerst offen bleiben.
Jacke: Für die Jacke hatte den gleichen Schnitt, wie die Weste, nur eben mit langen Ärmeln. Es gilt daher das über die Weste Bemerkte. Sie wurde oft an Stelle des Rockes getragen, dessen Anschaffung recht kostspielig war. Genaue Angaben zum Schnitt der historischen Jacken fehlen bisher.
Rock: Der Rock hat den typischen Schnitt des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Auffallend ist die tiefe Taille und die Betonung der unteren Körpermitte, was auch für die Weste zutrifft. Die Ärmel sind lang und zeigen den Rest des alten Ärmelaufschlages. Der Rock hat zwei waagrechten Scheintaschen mit Knöpfen unter dem Taschenklappen. Im Rücken ist eine offen Falte in der Mitte und beiderseits weitere tiefe, stoffreiche Falten, die mit Knöpfen besetzt sind. Es scheint, als hätte der Rock zu Beginn des 19. Jahrhunderts kein farbiges Futter gehabt. Jurende hebt besonders die „ganz hübschen kamelhaarenen“ Knöpfe am langen Rock hervor, die er Schnecken- oder Trudenfußknöpfe nennt. Nirgendwo sonst werden diese umsponnenen Knöpfe erwähnt. Es handelt sich dabei vermutlich um die übersponnenen und mit Kamelhaargarn eingefassten Knöpfe, die es in vielen Trachtenlandschaften gab. Ansonsten hatte der Rock Messingknöpfe oder die so genannten „Linaburger Silberknöpfe“, die mit floralen Mustern graviert waren, wie in den Trachtenlandschaften des nördlichen Niedersachsens und des Hamburger Raumes.
Zur Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich der Schnitt de Rockes. Das Futter erscheint jetzt als rotes Tuch. Die Taschen stehen jetzt senkrecht und die Knöpfe sind auf die Klappe gesetzt. Der Ärmelaufschlag ist weiter reduziert.
Im
Unterland werden die grünen Röcke bevorzugt, während im Oberland braune und blaue Röcke getragen werden.
Strümpfe: Die Strümpfe waren gestrickt und reichten bis zum Knie. In der Literatur des 20. Jahrhunderts ist von gestrickten Mustern die Rede, wie z.B. Zöpfen. Es ist zu vermuten, dass für die Strümpfe der Mode und dem Anlass entsprechend aus verschiedenen Materialien hergestellt wurden. Für die Zeit des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts wäre dann bevorzugt Leinen verwendet worden, später dann Wolle.

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helle Schönhengster Strickmützen aus Wolle mit traditionellen Mustern

Kopfbedeckung: Auffällig ist ein breitrandiger Hut, der von den Trachtengruppen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts getragen wurde. Bei genauerer Prüfung der Quellen entsteht ein anderes Bild. Es gab viele verschiedenen Kopfbedeckungen. Da wären zunächst die gestrickten Mützen. Sie waren aus hellem Garn mit bunten eingestrickten Mustern, wie sie aus den Trachtenbeschreibungen von Dittersbach und Blumenau im Oberland abgebildet werden. Sie wurden im Haus und bei der Arbeit getragen, auch von jungen Burschen. Die Filzhüte kommen als runde Hüte oder auch als Dreispitz vor. Auf einigen Abbildungen aus der Zeit um 1820 kann man sogar die hohen modischen Zylinder sehen.
Gürtel: Zu besonderen Gelegenheiten wurden von den Schönhengster Männern auch Ledergürtel getragen, die sogenannten „Beigürtel“, wie man auf verschiedenen Abbildungen gut erkennen kann. Sie werden auch in der Literatur erwähnt. In Mährisch Trübauer Schlossmuseum wird u,.a. auch ein solcher Gürtel gezeigt. Die Verbreitung war also nicht auf das Oberland beschränkt, sondern die Beigürtel kamen auch im Unterland vor. Diese Beigürtel oder Ranzen wurden vermutlich von Reisen nach Österreich mitgebracht, denn nach den erhaltenen Mustern zu urteilen, wurden einige der Gürtel im Mühlviertel gefertigt. Immer aber waren sie Ausdruck von Wohlstand, denn auch schon damals war ihre Anschaffung kostspielig. Die Muster werden mit Federkielen von Pfauenfedern in das Leder hineingestickt. Meist sind diese Gürtel nicht personalisieret, d.h. sie haben kein Monogramm oder eine Jahreszahl, da sie als „Handelsware“ aus Österreich mitgebracht wurden und keine individuellen Aufträge des späteren Besitzers an den Federkielsticker waren.

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Beigürtel zur Schönhengster Tracht nach einer Vorlage im Schönhengster Heimatmuseum, Göppingen

20130914_140043in Mährisch Trübau anlässlich der Deutsch-Tschechischen Kulturtage 2013